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Einsatz humanoider Roboter in Industrie und Dienstleistung – Stand 2025/2026

1. Einleitung

Humanoide Roboter – also menschenähnlich aufgebaute Maschinen mit Kopf, Rumpf, Armen und Beinen stehen 2025/2026 an der Schwelle vom Forschungsobjekt zum industriellen Werkzeug. Getrieben werden die Entwicklungen von Fachkräftemangel, Kostendruck, dem Wunsch nach höherer Flexibilität in bestehenden Fabrikinfrastrukturen sowie Fortschritten bei KI, Sensorik und Antriebstechnik.[1][2][3]

Der Bericht fasst den aktuellen Stand des Einsatzes humanoider Roboter in Deutschland und anderen europäischen Ländern zusammen und gibt eine Einordnung der technologischen und wirtschaftlichen Perspektiven.

2. Technologischer Hintergrund und Besonderheiten

2.1 Abgrenzung zu klassischen Industrierobotern

Klassische Industrieroboter (z. B. Kuka‑, Fanuc‑ oder ABB‑Roboterarme) sind meist fest installierte, hochspezialisierte Systeme mit klar definierten Bewegungsabläufen. Sie dominieren seit Jahrzehnten Tätigkeiten wie Schweißen, Lackieren oder das Handling von Komponenten in der Automobilindustrie.

Humanoide Roboter unterscheiden sich in mehreren Punkten:

  • Menschenähnliche Kinematik: Zwei Arme, zwei Beine, Torso und Kopf ermöglichen Bewegungen in Umgebungen, die für den Menschen gestaltet wurden (Treppen, Türen, Regale, Werkzeuge).[1][2]
  • Nutzung bestehender Infrastruktur: Anstatt neue Spezialmaschinen oder Vorrichtungen zu installieren, können humanoide Roboter – zumindest in der Zielvision – vorhandene Arbeitsplätze, Werkzeuge und Transportmittel nutzen.[3]
  • Erhöhte Beweglichkeit und Flexibilität: Durch KI‑gestützte Wahrnehmung (Kameras, 3D‑Sensorik) und Greiftechnik sollen sie Tätigkeiten mit höherer Varianz ausführen können als konventionelle, starr programmierte Systeme.[2][4]

2.2 Reifegrad der Technologie

Studien und Marktanalysen betonen, dass die humanoide Robotik zwar stark vorangekommen ist, sich aber vielfach noch im Prototypen‑ oder Frühserienstadium befindet.[2][5] Die wichtigsten Punkte:

  • Erste Modelle erreichen in einfachen Tätigkeiten bereits oder übertreffen menschliche Geschwindigkeit und Ausdauer.[2][5]
  • Vollautonome humanoide Roboter mit hochentwickelter Feinmotorik und sicherem Umgang mit komplexen, variantenreichen Aufgaben werden in der Breite eher ab 2030 erwartet.[2][6]
  • Viele Anbieter fokussieren kurzfristig auf logistische und einfache montagenahe Tätigkeiten, in denen sich Investitionen bereits heute wirtschaftlich rechnen können (Amortisationszeiten < 1 Jahr in Pilotprojekten).[2]

3. Einsatz humanoider Roboter in Deutschland

3.1 Pilotanwendungen in der Automobilindustrie

Deutschland ist traditionell ein Leitmarkt für Industrierobotik. Humanoide Systeme werden hier vor allem in Pilotprojekten getestet:

  • BMW erprobte im Werk Spartanburg (USA) den humanoiden Roboter „Figure 02“ des Start‑ups Figure AI. Der Roboter legte Blechteile in Vorrichtungen ein – eine ergonomisch belastende, aber gut strukturierte Tätigkeit.[7][8] Die Tests dienten der Datenerhebung und Bewertung, inwieweit humanoide Roboter perspektivisch ergonomisch kritische Aufgaben übernehmen können.
  • Mercedes‑Benz testet humanoide Roboter des US‑Herstellers Apptronik (Modell „Apollo“) am Standort Berlin‑Marienfelde, einem globalen Kompetenzzentrum für digitale Fertigung. Die Einsatzszenarien umfassen Intralogistik (Transport, Bereitstellung von Teilen) und einfache Qualitätsprüfungen, unterstützt durch Teleoperation und Augmented Reality.[9][10] Ziel ist die Integration in das digitale Produktionsökosystem (MO360) und die Skalierung bei erfolgreichem Pilotverlauf.

Insgesamt befinden sich die deutschen OEMs beim Thema humanoide Roboter in einer frühen Evaluationsphase. Die Systeme sind noch nicht flächendeckend in den Linien integriert, sondern werden in klar begrenzten Use Cases erprobt.

3.2 Deutsche Robotikhersteller und Zulieferer

Neben den OEM‑Piloten entsteht in Deutschland ein eigenes Ökosystem an Robotikunternehmen:

  • Agile Robots (München/Fürstenfeldbruck) plant ab Anfang 2026 die Serienfertigung des industriellen Humanoiden „Agile ONE“ in Bayern. Zielanwendungen sind kollaborative Tätigkeiten in Montage, Logistik und Service in bestehenden Fabriken.[11]
  • pi4 robotics (Berlin) entwickelt seit Jahren humanoid anmutende „Workerbots“, die als flexible Arbeitsstationen mit Robotergreifern, Kamerasystemen und kollaborativen Sicherheitskonzepten für Montage, Handling und Qualitätskontrolle eingesetzt werden.[12]
  • Neura Robotics arbeitet an humanoiden Robotern und hat mit einem großen Industriepartner (Schaeffler) eine Kooperation vereinbart, die vorsieht, in den kommenden Jahren mehrere tausend humanoide Systeme in Produktionswerken zu integrieren.[3]

Diese Akteure untermauern, dass Deutschland nicht nur Anwender, sondern auch Entwicklungs‑ und Produktionsstandort für humanoide Robotik werden will.

3.3 Marktpotenzial in Deutschland

Analysen prognostizieren für den deutschen Markt für humanoide Roboter ein Wachstum von etwa 110 Mio. US‑Dollar im Jahr 2024 auf über 1,1 Mrd. US‑Dollar bis 2033.[1][3] Treiber sind:

  • hohes Automatisierungsniveau und Kosten‑/Effizienzdruck,
  • Fachkräftemangel in Industrie und Dienstleistung,
  • politischer Wunsch nach technologischer Souveränität in Schlüsseltechnologien wie KI und Robotik.[1][3][5]

4. Einsatz humanoider Roboter in anderen europäischen Ländern

4.1 Überblick Europa

Europa verfügt derzeit nur über einen relativ kleinen Anteil des Weltbestands humanoider Roboter (Schätzungen: ca. sechs Prozent), liegt damit deutlich hinter Asien und Nordamerika.[1][5] Gleichwohl existieren verschiedene relevante Initiativen:

  • Skandinavien und UK: Die norwegische Firma 1X entwickelt humanoide Roboter (z. B. „Neo“) und plant gemeinsam mit Investoren, bis 2030 bis zu 10.000 humanoide Roboter in Unternehmen – vor allem in Europa und Nordamerika – einzusetzen. Die Zielbranchen sind Logistik, Lager, Fertigung, Facility‑Management und Healthcare.[13]
  • Frankreich: Wandercraft, ursprünglich für medizinische Exoskelette bekannt, arbeitet gemeinsam mit Industriepartnern wie SAPA an „heavy‑payload“‑Humanoiden für industrielle Umgebungen. Ziel ist es, menschenähnliche Systeme in produktionsnahen Szenarien zu erproben.[14]
  • Weitere europäische Aktivitäten: In mehreren Ländern laufen Pilotprojekte in der Automobil‑, Elektronik‑ und Konsumgüterindustrie, meist in enger Kooperation mit internationalen Robotikfirmen. Zudem wurde mit dem European Humanoid Robots Summit 2025 eine Plattform geschaffen, die Forschung, Start‑ups, Industrie und Politik vernetzen soll.[15]

4.2 Einordnung im globalen Vergleich

Im Vergleich zu China und den USA ist Europa beim großflächigen Einsatz und bei der industriellen Massenproduktion humanoider Roboter im Rückstand:

  • China treibt den Einsatz humanoider Roboter mit hohem Tempo voran; einzelne OEMs (z. B. BYD) planen bereits mit vier‑ bis fünfstelligen Stückzahlen innerhalb weniger Jahre.[1][16]
  • Nordamerika (insbesondere die USA) wird von Studien als Leitmarkt für humanoide Robotik gesehen, mit hoher Investitionsbereitschaft und enger Integration von KI‑Plattformen.[3][5][6]
  • Europa erscheint derzeit als „Early‑Adopter‑Region“ mit Schwerpunkt auf Pilotprojekten und ausgewählten Rollouts, aber mit wachsendem Druck, eigene Produktionskapazitäten aufzubauen und technologische Abhängigkeiten zu reduzieren.[5][15][17]

5. Typische Einsatzfelder

5.1 Logistik und Intralogistik

In der ersten Welle des Einsatzes übernehmen humanoide Roboter vor allem logistische Tätigkeiten:[2][5]

  • Sortieren, Transportieren und Bereitstellen von Materialien,
  • Be‑ und Entladen von Maschinen,
  • einfache Kommissionier‑ und Regalauffüllarbeiten.

Der Vorteil liegt darin, dass diese Aufgaben vergleichsweise klar strukturiert sind, auch wenn sich Wege und Objekte ändern. Gleichzeitig lassen sich Effizienzgewinne schnell messen: Pilotprojekte berichten von teils drastischen Produktivitätssteigerungen im 24/7‑Betrieb.[2]

5.2 Produktion und Montage

In der industriellen Fertigung kommen humanoide Roboter bisher punktuell zum Einsatz:

  • Einlegen von Teilen in Vorrichtungen und Maschinen (z. B. Blechteile im Karosseriebau),[7][8]
  • einfache Schraub‑, Steck‑ und Fügeprozesse mit moderater Varianz,
  • unterstützende Tätigkeiten an Montagelinien, bei denen ergonomische Belastungen für menschliche Mitarbeitende reduziert werden sollen.

Die Studienlage deutet darauf hin, dass humanoide Roboter bis 2030 bis zu 40 Prozent der bisher manuell ausgeführten, standardisierbaren Tätigkeiten automatisieren könnten, insbesondere in hoch industrialisierten Branchen wie der Automobilindustrie.[2]

5.3 Dienstleistungssektor und Haushalt

Neben der Industrie entstehen Use Cases in Dienstleistung und privaten Haushalten:

  • Empfangs‑ und Concierge‑Dienste, Besucherführung und einfache Serviceaufgaben in Gebäuden,
  • erste Tests in Pflegeeinrichtungen und im betreuten Wohnen (Begleitung, Monitoring, einfache Assistenz),[3][18]
  • prototypische Haushaltsroboter (z. B. Systeme von 1X, Tesla oder NEURA), die Grundtätigkeiten wie Aufräumen oder Transport von Gegenständen demonstrieren.[1][3]

Diese Bereiche gelten mittelfristig als bedeutendes Wachstumsfeld, sind aber 2025/2026 noch deutlich weniger reif als die ersten industriellen Anwendungen.

6. Chancen, Risiken und offene Fragen

6.1 Chancen

  • Produktivitätsgewinne: Pilotprojekte zeigen deutliche Effizienzsteigerungen und Qualitätsverbesserungen, insbesondere im 24/7‑Betrieb und bei der Eliminierung menschlicher Fehlerquellen.[2][3]
  • Ergonomie und Arbeitsschutz: Humanoide Roboter können körperlich belastende, gefährliche oder monotone Aufgaben übernehmen und damit die Gesundheit der Beschäftigten schützen.[7][9]
  • Flexibilität durch Nutzung bestehender Infrastruktur: Da Fabriken und Werkzeuge für Menschen ausgelegt sind, können humanoide Roboter langfristig ohne massive Umbauten eingesetzt werden.[1][2]

6.2 Risiken und Herausforderungen

  • Technische Reife: Viele Systeme befinden sich noch im Pilotstadium. Zuverlässigkeit, Robustheit und Wartungsfreundlichkeit im Dauerbetrieb sind zentrale offene Fragen.[2][5]
  • Wirtschaftlichkeit: Trotz positiver Pilotkennzahlen ist unklar, wie sich Investitions‑ und Betriebskosten bei großflächigem Rollout entwickeln, insbesondere in KMU mit hoher Varianz und kleineren Stückzahlen.[2]
  • Akzeptanz und Regulierung: Die gesellschaftliche und arbeitsrechtliche Einbettung humanoider Roboter – insbesondere Fragen zu Arbeitsplatzverlagerungen, Haftung und Sicherheit – ist noch nicht abschließend geklärt.[5][17][18]

7. Ausblick bis 2030

Mehrere Marktstudien erwarten, dass der globale Markt für humanoide Roboter von wenigen Milliarden US‑Dollar Mitte der 2020er Jahre auf zweistellige Milliardenbeträge bis 2030 anwächst.[3][6][19] Prognosen reichen von konservativen 34 Mrd. US‑Dollar bis hin zu deutlich höheren Szenarien in den 2030er und 2040er Jahren.

Entscheidend für die weitere Entwicklung werden sein:

  • die Skalierung der Produktionskapazitäten,
  • der Nachweis robuster, wirtschaftlich tragfähiger Serienanwendungen in Industrie und Dienstleistung,
  • und die Fähigkeit Europas, eigenständige Wertschöpfungsketten in Hardware, KI‑Software und Systemintegration aufzubauen.[5][15][17][19]

Kurzfristig (bis ca. 2028) ist mit einer Zunahme industrieller Piloten und ersten Serienanwendungen zu rechnen, vor allem in Automobilindustrie, Logistik und Elektronikfertigung. Ein breiter, vollautonomer Einsatz humanoider Roboter in variantenreichen, komplexen Tätigkeiten wird eher im Zeitraum 2030+ erwartet.


References

[1] finanzen.net. (2026). Humanoide Roboter: Warum 2026 der Wendepunkt für die Industrie sein könnte.
[2] Automationspraxis / Nexery. (2025). Humanoide Roboter: Die Zukunft der Industrie beginnt 2025.
[3] stock3.com. (2026). Humanoide Roboter aus Deutschland erobern Industrie bis 2035.
[4] IFR / AP-Verlag. (2026). Top 5 Robotik-Trends 2026 weltweit.
[5] B2B‑Fachpresse. (2025–2026). Diverse Artikel zu Robotik-Trends und Marktanalysen.
[6] Computerwoche. (2025). Kommt die humanoide Roboterrevolution 2030?
[7] BMW Group / Fachpresse. (2024–2025). Berichte zum Testeinsatz von Figure‑02 im Werk Spartanburg.
[8] auto motor und sport. (2024). BMW: humanoider Roboter in der Produktion.
[9] Springer Professional. (2025). Mercedes-Werk in Berlin setzt auf humanoide Roboter und KI.
[10] heise.de. (2025). Mercedes-Benz investiert Millionenbetrag in Apptronik.
[11] Digital Manufacturing Magazin. (2025). Humanoider Roboter Agile ONE geht 2026 in Serie.
[12] pi4 robotics / Innovationspreis Berlin-Brandenburg. (o. J.). Projektbeschreibungen Workerbot.
[13] Interesting Engineering. (2025). 1X to deploy humanoid robots for warehouses and homes.
[14] Wandercraft / SAPA. (2025). Deployment Partnership in Industrial Manufacturing.
[15] MIRMI / TUM. (2025). European Humanoid Robots Summit 2025.
[16] Wirtschafts- und Branchenpresse zu BYD und chinesischen Humanoiden (2025–2026).
[17] Produktion.de. (2026). 2026 entscheidet über Europas KI-Zukunft.
[18] MDR Wissen. (2026). Roboter für den Haushalt: Wie die Helfer lernen sollen.
[19] Mordor Intelligence. (2025). Humanoids-Marktgröße, Prognosebericht (2025–2030).